Serie Coaching-Tools, Nr. 2: „Ein wahrer Augenöffner – Coaching mit Kunst“

Kunst kann den Rahmen sprengen!

Durch die Begegnung mit Kunst können Menschen in einem Coaching starke Veränderungs- und Entwicklungsimpulse erfahren. Dabei geht es nicht primär um Wissensvermittlung. Die Coaching-Erfahrung im Museums- oder Kirchenkontext sprengt im Wortsinn „den Rahmen“ und bietet oft ganz neue Perspektiven.

Anwendungsbereiche
Die Annäherung an ein Kunstwerk durch die Erschließung seiner Geschichte, seines Gehalts an Ideen, Gedanken, an Symbolen kann ein Coaching eröffnen. Der Betrachter nimmt das Bild, die Plastik, die Video-Installation wahr mit „innerem Blick“ auf seine aktuelle (berufliche) Situation. Über das, was nun an Bedeutung gewinnt, was spontan hervortritt, kommen wir – Sie als Klientin, als Kunde, und ich als Coach – miteinander ins Gespräch.

Oft kann kann ein solcher Kunst-Dialog den entscheidenden Denkanstoß liefern, wenn eingefahrene Denk- und Handlungsmuster den Blick auf Alternativen verstellen, wenn jahrelanges Funktionieren nach Vorgabe längst fragwürdiger Ziele mit der persönlichen Motivation und den eigenen, oftmals verdrängten Werten nicht mehr in Einklang stehen.

Die Intervention durch einen solchen Kontext-Wechsel in einer Konfrontation mit nicht alltäglichen sozialen Kulturen, spielt ja im Coaching bereits seit Jahren eine Rolle. Etwa wenn hochbezahlte Manager ein Wochenende lang in einer Suppenküche der Diakonie eine „ganz andere“ Erfahrung machen. Beabsichtigt ist stets eine Zunahme an Möglichkeiten im Denken, Fühlen und Handeln.

Zielsetzung und Wirkung der Methode
Es geht, mit einem Wort, um die Gewinnung von Freiheit. Diese wird unmittelbar in der Begegnung mit Kunst erlebt. Und derart vermittelt, auch gegenüber sich selbst. Angeregt werden neue Betrachtungsweisen der als belastend empfundenen Situation: Als Klient hinterfragen Sie, was Sie sehen – zunächst an der Wand oder im Raum. Und dann bei sich selbst, in Ihrem „Innen-Raum“. Sie erfahren eine emotionale und kognitive Inspiration neuer Lösungen, verborgen oft hinter dem „blinden Fleck“ auf der eigenen Netzhaut, um im Bild zu bleiben.

Dialog über einen Generationenkonflikt.

Indikatoren für die positive Wirkung der Methode sind eine spürbare Belebung – eine neue Lust auf alternative Möglichkeiten. Eine neue intellektuelle Beweglichkeit, die mit anziehender Kraft und Motivation einhergeht, die gewonnenen Erkenntnisse durch die Reflexion von Mustern, Werten und Zielen jetzt zu konkretisieren. Wie stets, so geschieht Veränderungsentwicklung vor allem zwischen den Tagen, an denen mit dem Coaching-Tool Impulse gesetzt wurden.

Hintergrund
Künstler haben zu allen Zeiten ihre gesellschaftliche – und innere – Realität abgebildet, reflektiert, kritisch hinterfragt. Zugleich werden die Philosophien, Theologien oder Theorien der jeweiligen Epoche verarbeitet und nicht selten symbolreich verschlüsselt. Denn lange Zeit stand die Kunst im Dienst von Kirche und Thron. Erst mit der Renaissance emanzipierte die Wissenschaft und in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts das Bürgertum der Kaufleute die Kunst. Seit dem 19. Jahrhundert setzten sich vor allem Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud und seither die Psychoanalyse mit der Kunst als Seelenraum auseinander. Dem Kunsthistoriker und -theoretiker Erwin Panowsky sowie später Josef Beuys – als Künstler – verdanken wir die Wertschätzung des Betrachters als eigene Größe im Prozess der „Erschaffung“ des Kunstwerks. Auch sei hier auf die Rolle und Wirkung des Beobachters in der Systemtheorie und im Radikalen Konstruktivismus verwiesen (mehr zu diesen beiden Begriffen > hier) sage ich  – dies nur sehr gerafft zur Einordnung des Coaching-Tools in einen geistesgeschichtlichen Kontext.

Landschaftsbilder führen oft zum Entdecken „innerer“ Landschaften.

Die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen, der beruflichen, der persönlichen Realität, kann sich – mit der Kunst als Medium – auch im Coaching vollziehen: Der/die Coachee assoziiert Gedanken und Empfindungen in der Betrachtung, während der (entsprechend ausgebildete) Coach Wissen, Fakten und streng auf die Problemstellung fokussierte Impulse in den Dialog einfließen lässt, soweit die Grundmethode.

Die Methode im Einzelnen

Entscheidung
Die Entscheidung zum Angebot des Tools kann zu Beginn des Beratungsprozesses oder in dessen Verlauf erfolgen. Mit Blick auf die konkrete Wahl des Settings –  eines Museums, einer Kirche oder eines anderen Kunst-Ortes – sichere ich die Wahl durch Fragen wie diese ab: Gab es Erfahrungen bei Ihnen mit Kunst, die von Bedeutung waren? Womöglich auf Reisen oder in einem bestimmten Museum oder einer Kirche vor Ort? Welche Künstler oder Epochen sprechen Sie besonders an? Gibt es Entdeckungen, die Sie noch nicht gemacht haben, sich vielleicht aber wünschen? Spricht die Methode Sie an, wollen Sie sich darauf einlassen?

Vorbereitung
Nicht Sie als Kundin oder Klient, sondern ich als Coach muss mich vorbereiten auf unseren Termin mit der Kunst. Doch geht es beim Einsatz des Tools keinesfalls um ein „Bildungsereignis“, das da kundig zu inszenieren wäre. Vielmehr soll da ein Raum der Begegnung mit Kunst geöffnet werden, in dem Sie als Klient/in mit Ihrem Anliegen im Mittelpunkt stehen. Das oben erläuterte assoziative Vorgehen und die Vertiefung einzelner – auf die Problemstellung fokussierte – Gedankenstränge stehen dabei stets im Vordergrund. Sie darf keine Fülle von Eindrücken „erschlagen“.

Mit Händen zu greifen: Moment, wenn ein „Kunst-Impuls“ zur Veränderung ermutigt!

Deshalb gehört zu einer guten Vorbereitung die Auswahl einzelner künstlerischer Arbeiten oder auch nur eines einzelnen Werks, mit dem ich als Coach auf Grundlage des Vorgesprächs mit Ihnen arbeiten kann. Nur darauf bereite ich mich vor. Mein kunsthistorisches Faktenwissen nutze ich nur zur Formulierung von Impulsen, die Sie zu eigenen Fragen, Reflexionen und bei der Suche nach eigenen Lösungen anregen sollen. Eine besondere Rolle spielt immer der ausgewählte Kunst-Raum: Ein Museum oder eine Kirche wecken als Umfeld von Kunst andere Kräfte und Assoziationen, sie wirken nicht selten für sich.

Durchführung
Wie beim Coaching in meiner Praxis habe ich Sie im gesamten Verlauf als Person im Blick. Ich achte auf sogenannte Indikatoren, paraphrasiere Schlüsselbegriffe, verbalisiere emotionale Anteile und sichere die Erträge. Nie darf den Fluss unseres Dialogs ein „Zuviel“ an Information dominieren. Da gilt es, sensibel den Moment zu erspüren, wann ein Fakten-Impuls zielführend ist. Die Aufmerksamkeit ist immer auf die zentralen Fragestellungen gerichtet: Was sagt Ihnen das Kunstwerk im Hier und Jetzt mit Bezug auf Ihr konkretes Anliegen? Welcher Aspekt der Betrachtung gewinnt für Sie persönlich im Moment des Erlebens und Beschauens an Bedeutung für einen Lösungsansatz? Durch welche „Berührung“ wird Energie bei Ihnen erzeugt? Und welche Erkenntnis zündet diese Energie bei Ihnen?

Ergebnissicherung und Weiterarbeit
Die Verabschiedung und Verabredung zu unserem nächsten Termin sollte dann unmittelbar nach Abschluss der Methode bzw. des Museumsbesuchs erfolgen. Denn ein Anschlussgespräch im Café birgt die Gefahr einer „Verwässerung“ der Wirkung. Die bestenfalls per Audio-Aufzeichnung oder durch Notizen gesicherten Ergebnisse werden für die folgende Sitzung in der Coaching-Praxis strukturiert und visualisiert, um mit diesen Erträgen dann weiter gemeinsam zu arbeiten.

Was der Kölner Stadt-Anzeiger über meine Methode 2012 zur „Langen Nacht der Museen“ schrieb, lesen Sie > hier.

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Dieser Beitrag basiert auf meiner Veröffentlichung des Tools in dem Fachbuch „Coaching Tools III“, Hrsg. Christopher Rauen, Verlag ManagerSeminare, Edition Training aktuell, Bonn 2012, S. 254ff.


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Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.