Ein Blick auf das Konstruktivistische

Der sogenannte Radikale Konstruktivismus – an den Niklas Luhmann zeitgemäß, könnte man sagen, seine übergreifende Systemtheorie andockte, über die ich in diesem Blog am 14. September 2017 geschrieben habe (nachzulesen > hier im Blogarchiv auf dieser Seite) – ist eine weitere Meta- oder besser Erkenntnistheorie im Coaching, in deren Fokus die Beantwortung dieser beiden Fragen steht: „Was ist Erkenntnis? Wie erwerben wir Wissen über Wirklichkeit?“[i]

Einer der Väter dieser Weltschau, wie ich sie hier einmal bezeichnen will, ist – neben Ernst von Glasersfeld[ii] und Paul Watzlawick[iv] – der Kybernetiker und Biophysiker Heinz von Foerster[v], der den sperrigen Begriff mit einem launigen Witz erläutert: „Zwei Leute treffen sich. Sagt der eine: ‚Grüß Gott, Herr Müller, haben Sie sich aber gar nicht verändert.‘ Darauf der andere: ‚Ja, mein Name ist gar nicht Müller.‘ – ‚Ach so, Müller heißen Sie auch nicht mehr.‘“[vi]

Unsere subjektive Wirklichkeit: vollkommen unabhängig von so etwas wie Realität?
Das ‚System Mensch‘ – nennen wir es in dem Fall Meier – ist hier Akteur der Begegnung mit Müller und zugleich deren Beobachter. Als dieser Beobachter konstruiert er sich die eigene Wirklichkeit dieser Begegnung mit Müller radikal subjektiv – daher der Begriff. Das geschieht in einem kuriosen Zusammenwirken zweier (Fehl)-Leistungen seines Gehirns und seiner daran gekoppelten Sinnesorgane: Wahrnehmung und Erinnerung. Nicht nur für Meier und Müller, sondern für uns alle gilt: Wir amalgamieren Informationen, indem wir sie durch unsere Sinnesfilter wahrnehmen und deuten – offenbar (oder scheinbar?) unabhängig von so etwas wie Realität – zu einer bzw. unserer subjektiven Wirklichkeit: Das ist, äußerst knapp gesagt, die Kernaussage des Radikalen Konstruktivismus.

„Gewachsenes“ Monument: Konstrukt aus dem Steinbruch der Erinnerungen.

Redlicherweise sei an dieser Stelle nun aber nicht jenes Dilemma verschwiegen, vor dem der Radikale Konstruktivismus mit seinem eigenen Postulat steht, nämlich dass es einerseits so etwas wie Wirklichkeit gar nicht geben könne[vii]. Andererseits beruht die ganze Theorie wiederum auf wissenschaftlichen Erkenntnissen (zum Beispiel über biologische Kognition nach Maturana und Luhmann, vgl. den o. g. Blogbeitrag vom 14. September 2017) welche – folgt man der oben genannten Kernaussage des Radikalen Konstruktivismus – eigentlich gar keine Gültigkeit haben können!

„Einsichten am Rande des Verstandes“
In der Philosophie ist dieses tückische Paradox als „Selbstanwendungsproblem“ bekannt, das Stephan Siebenkäs in seinen „Einsichten am Rande des Verstandes“ treffend wie folgt beschrieben hat: „Kein philosophisches System kann in dem Sinn als geschlossen gelten, dass es seine eigenen Aussagen vollständig begründen kann. Es beginnt mit Glaubenssätzen und ist damit auch in einem Terrain zu Hause, das man gemeinhin als Spezialität der Religion betrachtet. Diesem Dilemma kann sich kein System entziehen, noch nicht einmal das System, das dieses Dilemma mit der Aussage jede Wahrheit sei relativ und subjektiv zum Hauptthema macht. Denn wenn jede Wahrheit relativ ist, dann ist es auch die Aussage, dass jede Wahrheit relativ ist.“[viii]

Terrain der Glaubenssätze – ein nicht nur religiöses Phänomen.

Alles nur Glaubenssache? Nun, schon Immanuel Kant hat sich den Kopf über das „Ding an sich“[ix] zerbrochen, es gewagt, „hinab zu fragen in die ersten und letzten Gründe der Wirklichkeit“[x] – und schließlich bekannt, es sei „die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe, verliebt zu sein.“[xi] Von daher darf es hier wohl mit der philosophischen Kritik des Radikalen Konstruktivismus sein bescheidenes Bewenden haben – mein pragmatischer Vorschlag: Lassen Sie uns diese Frucht vom Baum der Erkenntnis[xii] ganz entspannt als das nehmen, was sie ist – eine unvollkommene Theorie, deren Anwendung in der Coaching-Praxis sich ganz einfach als hilfreich erwiesen hat.

Exkurs in eine bedeutsame Hirnregion: das Limbische System
Wenn nun also der Mensch der Akteur und Beobachter seiner Wirklichkeit ist, dann kommt einer Zutat bei der Legierung subjektiver Realität, wie schon kurz angedeutet, eine besondere Rolle zu: dem Ingredienz der Erinnerung. Sie hat nämlich eine entscheidende Funktion als Geschmacksverstärker und Bindemittel bei der Dauerproduktion jener eigenen Wirklichkeit in einem nicht endenden Bewusstseinsstrom. Jede unserer Erinnerungen ist von früher Kindheit an als Konvolut von Gedanken zugleich konnotiert mit einem Komplex von Gefühlen – Lust, Schmerz, Scham, Macht oder Ohnmacht und Angst.

Mitunter dicke Brocken: Gedanken-Konvolute und Gefühls-Komplexe.

Ort oder besser Produktionsstätte solcher Verknüpfung von Emotionen – die im Moment der Erinnerung selbst wieder zu gegenwärtigen Erlebnissen werden, in dem sie zusammen mit Sinneswahrnehmungen von Gerüchen, von Hitze oder dem Klang einer Musik von damals wiedererweckt werden – ist jene Region unseres Gehirns, die als das Limbische System bekannt ist. Teil dieser hirnorganischen Traumfabrik sind zwei mandelkernförmige Ausformungen, die sogenannte Amygdala[xiii], die uns bei der Bewertung und Einordnung einer bestimmten Situation heute mit Informationen von damals emotional befeuert.

Irrtum in Zeit, Raum und Person…
In einem solchen Moment der inneren Entflammung, sozusagen, kann es dann passieren, dass wir uns von einer Sekunde auf die andere mitten im Büro in einem persönlichen phantasy-movie wiederfinden, der einem 3D-Spektakel, was sonst nur im Kino geboten wird, in nichts nachsteht. Was genau passiert da, wenn – ein Beispiel – Ihnen ein neuer Vorgesetzter gegenübertritt, der (…was Sie in diesem Augenblick aber nicht wissen) mit seinem grauen Schnauzbart und seinen eisblauen Augen Sie an einen der Lehrerpeiniger Ihrer Schulzeit erinnert? Was Sie in diesem Moment erleben, ist allein dies: Irgendwie ist Ihnen Ihr neuer Chef unsympathisch, und Sie werden urplötzlich von Unsicherheiten und Ängsten geplagt, für die es, bei Lichte besehen, doch gar keinen Grund gibt…

Wenn aus Unterbewusstem Gestalten der Vergangenheit auftauchen…

Ihr Unterbewusstsein irrt sich in der Sekunde in Zeit, Raum und Person: Sie werden Opfer einer klassischen Übertragung und damit wiederum einer Konstruktion, und zwar in der Sekunde, da sich in der Begegnung mit Ihrem neuen Vorgesetzten im Heute Aspekte der Situation mit Ihrem alten Schulmeister vor der Klasse im Damals rekonstellierten – und das am helllichten Tag, mitten in Ihrem Büro!

Die Details jener Situation – die Gestalt, der graue Oberlippenbart, die „eisblauen“ Augen ihres ‚unschuldigen‘ neuen Vorgesetzten und dazu die Prüfungssituation dieser ersten Begegnung mit ihm, die der Beginn eine neuen Zusammenarbeit (übrigens für beide Beteiligte) ja stets auch darstellt – alle diese Details wirken wie Feuerssteine, an denen sich Ihre Phantasie entzündet und Ihnen einen Streich spielt. Alle Gefühle, Sinneswahrnehmungen und Eindrücke lodern nach zehn, zwanzig, dreißig Jahren plötzlich wieder auf wie in einer emotionalen Stichflamme aus den Tiefen Ihres Limbischen Systems, und weder hat nun Ihr Vorgesetzter die Chance, die er verdient, noch kommen Sie bei ihm „rüber“, wie Sie eigentlich könnten und wollten.

Neues Wachstum, wenn Konstrukte sich (auch nur einen Spalt breit) öffnen.

Coaching als Chance der Aktualisierung
Ich bin mir fast sicher, dass Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wenn Sie Ihnen vielleicht auch jetzt in diesem Moment der Lektüre erst bewusst werden in ihren Wirkungszusammenhängen. Tatsächlich ist die Aufklärung solcher Phänomene immer wieder Thema in Coaching-Prozessen, können sie doch – unerkannt weiter wirkend – recht hinderlich sein im beruflichen oder auch privaten Alltag. Wenn nämlich die Gefahr droht, dass wir in unserem inneren Personenaufzug mit einem Mal ungebremst aus der Erwachsenen-Etage ins Kinderzimmer oder eben in irgendeinen Klassenraum unserer Jugendjahre hinab sausen… In meiner langjährigen Arbeit als Coach habe ich gelernt, dass sich derartige „Schussfahrten“ zuverlässig abfangen lassen, wenn es gelingt, die verborgenen Zusammenhänge bewusst zu machen, fest gefügte Konstrukte zu öffnen, neu zu ordnen und damit zu integrieren.

Ich wünsche Ihnen erlebnisreiche und heitere Tage im nun ausklingenden goldenen Oktober – vielleicht bei einem Spaziergang durch die Natur in Wald und Feld oder am Meer, wo es uns Menschen leicht fällt, das Konstruieren zu lassen und wieder mit freiem Blick und einmal spielerisch die Dinge zu betrachten, worin ja nicht selten, ganz ohne ein Coaching, schon die Lösung liegt,

Ihr
Günter A. Menne

Anmerkungen

Alle Fotografien, die diesen Beitrag illustrieren, habe ich in der irischen Grafschaft Kerry und in der Mehrzahl auf der sagenumwobenen Atlantikinsel Skellig Michael (auch bekannt unter dem Namen „Great Skellig“) vor der westirischen Küste im Jahre 2010 aufgenommen: > Skellig Michael. Das geschah gerade noch rechtzeitig: „Die Abgeschiedenheit von Skellig Michael hat bis zur Veröffentlichung des Star Wars Films ‚Star Wars: Das Erwachen der Macht‘ große Besucherströme abgeschreckt, was auch zur guten Erhaltung beigetragen hat. Inzwischen ist die Insel vor allem durch amerikanische Touristen so überlaufen, dass die Fauna in Mitleidenschaft gezogen wurde und Bereiche abgesperrt werden mussten…“ (Quelle: Wikipedia, Link oben).

 [i]Pallasch, Waldemar, Petersen, Ralf, Coaching […], Weinheim und München 2005, S. 47.

[ii] Ernst von Glasersfeld (1917 – 2010) war ein irisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler und Philosoph, der – als geborener Österreicher – die Erfahrung seiner frühen Mehrsprachigkeit später als Initialimpuls zur Entwicklung des Radikalen Konstruktivismus bezeichnet hat: „Je tiefer ein Denker in seiner Muttersprache verankert ist, um so schwerer ist es für ihn, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass andere die Welt auf andere Weise sehen, kategorisieren und somit erkennen könnten“, Ernst von Glasersfeld, Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Arbeiten zum radikalen Konstruktivismus. Braunschweig/ Wiesbaden 1987, S. 12.

[iv] Paul Watzlawick (1921 – 2007) geboren ebenfalls in Österreich, studierte Philosophie in Venedig und erwarb ein Diplom am Carl-Gustav-Jung-Institut in Zürich. 1957 folgte er einem Ruf der Universität El Salvador auf einen Lehrstuhl für Psychotherapie und wurde 1960 Mitglied der legendären Palo-Alto-Gruppe in Kalifornien. Dort entwickelte er seine konstruktivistische Kommunikationstheorie, die einem breiten Publikum weltweit durch das zum Klassiker avancierte Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ bekannt wurde. Der Schöpfer des Jahrhundertsatzes „Man kann nicht nicht kommunizieren“ starb am Geburtsort seiner maßgeblichen Theorien, in Palo Alto.

[v] Heinz von Foerster (1911 – 2002) war der dritte Österreicher im Bunde der Väter des Radikalen Konstruktivismus – seines Zeichens Physiker und 17 Jahre lang Direktor des Biological Computer Laboratory in Illinois/USA. In die Wissenschaftsgeschichte ging er ein als Mitbegründer der Kybernetik, der ‚Kunst‘ des Regelns und Steuerns von technischen, sozialen und lebenden Systemen. Philosophisch wurde er geprägt von Ludwig Wittgenstein (einem weiteren Österreicher) und dessen Arbeiten über Logik, Sprache und Bewusstsein,  wie übrigens auch Paul Watzlawick.

[vi] Heinz von Foerster und Monika Bröcker, Teil der Welt. Fraktale einer Ethik – Ein Drama in drei Akten, Heidelberg 2002, S. 57.

[vii] Siehe dazu: Schnell, Hill, Esser: Methoden der empirischen Sozialforschung. 6. Auflage, München 1999, S. 110 ff.

[viii] Stephan Siebenkäs, Denkbar undenkbar. Einsichten am Rande des Verstandes, 2013 o. O u. S.] Dort heißt es weiter an selber Stelle: „Aber ist nicht selbst diese Paradoxie, dieses sogenannte Selbstanwendungsproblem, wieder eine Glaubensüberzeugung, da sie auf der unbegründeten Annahme aussagenlogischer Sätze beruht?“

[ix] Zu Begriff, Urheberschaft und Deutung werden Sie bei Rudolf Eisler im Kant-Lexikon online fündig, wenn Sie etwas tiefer einsteigen wollen: http://www.textlog.de/32917.html.

[x] Wilhelm Weischedel, Die Philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken, München 1997 (1. Auflage 1973), S. 183.

[xiii] Die Amygdala sitzt – wie gesagt zweiteilig – im medialen Teil der Temporallappen, begrifflich, ihrer Gestalt nach, abgeleitet von lateinisch amygdala und griechisch ἀμυγδάλη – eben Mandel- bzw. Mandelkern: „Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung der Angst (‚Angstzentrum‘) beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren; sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Amygdala).

 

Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.