“Coaching und Burnout” – von den Tugenden des Nichtstuns und der Verweigerung

Einem Coach begegnen immer wieder Menschen wie Herr P., der auf seinem Berufsweg – nach vielen Jahren des tapferen ‚Funktionierens‘ – unerwartet in eine Krise geriet. Ganz allmählich hatte sich der Burnout bei ihm schon über Monate angekündigt durch leise und dann immer lauter werdende irritierende Symptome: ein zunächst kaum merkliches Nachlassen der Selbstmotivation, eine wachsende Ermüdung in den Halteseilen eigentlich souverän beherrschten Routinen, eine plötzlich erhöhte Reizbarkeit gegenüber doch altbekannten Schrullen mancher Kollegen. Irgendwann war dann plötzlich die Angst in sein Zimmer getreten, hatte sich mit kaltem Blick auf dem Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch niedergelassen und war einfach geblieben. Dann kam der Tag, an dem in der Gruppe auffiel, dass ihr Teamleiter irgendwie nicht mehr recht ansprechbar war, sondern bisweilen wirkte wie weggetreten – oder gereizt schon bei der kleinsten Anforderung. Auch ein Kurzurlaub brachte Herrn P. und seiner Truppe keine Besserung. Was kurze Zeit später folgte, waren ein Vieraugengespräch mit dem Vorgesetzten und das Angebot eines Coachings – ein Angebot, das er durchaus als „Verordnung“ empfand. Und nun saß er da einem Fremden gegenüber, der ihn zurück in die Spur bringen sollte, mit verkrampften Händen, hängenden Schultern und flackernden Augen, weil man von ihm und seinem teuer bezahlten Coach doch erwartete, dass er schnellstmöglich wieder „fit“ sein würde. Oder besser gesagt: wieder fit gemacht würde für die nächste Bürorunde, deren Ende nicht abzusehen war…

In einer Situation wie dieser schlägt für den seriösen Coach die Stunde der Wahrheit – oder richtiger der Wahrhaftigkeit: gegenüber seinem Klienten, gegenüber dessen Arbeitgeber und gegenüber sich selbst.

Coaching von Menschen im Burnout?

Wenn ein Coach dem Wunsch nach “Erster Hilfe” bei Burnout – sei es von Seiten des Klienten selbst oder dessen Arbeitgebers – nachkommt, begeht er einen schweren, einen unverzeihlichen Kunstfehler! Denn hinter einem sogenannten „Burnout“ steht (wenn es sich dabei nicht um eine vorübergehende Verstimmung oder Ermüdung handelt) nur zu oft eine schwere Erschöpfungsdepression mit ‚echtem‘ Krankheitswert. Und mit dieser Diagnose gehört der potenzielle Kunde – immer! – in die Hand eines Arztes. Freilich darf sich der verantwortungsvolle Coach nicht einmal anmaßen, diese Diagnose selbst zu stellen. Doch muss er die Anzeichen kennen, die mit ziemlicher Sicherheit darauf hindeuten, dass er keinen Klienten, sondern einen Patienten vor sich hat, den er verweisen muss an die richtige medizinische Kompetenz, die er selbst nicht hat.

Depression – wenn sich ein trister Vorhang vor jede Aussicht ins Freie geschoben hat.

Schon aus einzelnen Aussagen des Mannes oder der Frau, die ihn als Coach aufgesucht haben, weil sie vielleicht das Stigma einer „Psycho-Diagnose“ in den Akten ihrer Krankenkasse oder schon den Stempel des einschlägigen Facharztes auf ihrer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung fürchten, kann ein kundiger Experte die richtigen Schlüsse ziehen. Bereits durch die feine Beobachtung des psycho-physischen Spannungszustandes (Haltung, Ausdruck, Stimme, Mimik, Motorik) erschließt sich ihm jener Verdacht, der allein jedes weitere ‚Herumdoktern‘ verbietet. Im Zweifel offenbaren spontane Antworten des Kunden auf ein, zwei sensibel gestellte Fragen dessen Zustand: „Oft sitze ich vor meinem PC und fühle mich wie gelähmt.“ – „Ich habe eigentlich nur noch den Wunsch, morgens statt in den Stau vor den nächsten Brückenpfeiler zu fahren, und alles hätte ein schnelles Ende…“

In dem Fall ist nichts anderes mehr angemessen und zielführend als das dringende Anraten ärztlicher Hilfe – und vielleicht noch eine kurze Erläuterung jener physiologischen Zusammenhänge der chemischen ‘Hirnblockade’ bei einer Depression infolge fehlender Botenstoffe, durch die jeder Versuch einer kognitiven Lösungsarbeit zum jetzigen Zeitpunkt sinnlos wird. Darüber hinaus wird ein verantwortungsvoller Coach dem Klienten allenfalls noch seine Bereitschaft versichern, ihn nach Abschluss der jetzt anstehenden Behandlung und einer vollständigen (und ärztlich bescheinigten) Genesung in Zukunft zu begleiten.

Vielleicht bald die Zeit für ein Coaching: der Vorhang schiebt sich langsam zur Seite.

Coaching in Dreiecksverhältnissen

War bei der Anbahnung des Coachings ein Dritter im Bunde, versteht es sich, dass der Coach diesen – üblicherweise den Arbeitgeber – nicht selbst über den Zustand des Klienten in Kenntnis setzt: Das ist allein dessen Sache. Und selbstverständlich gelten die folgenden Regeln auch in allen anderen Fällen:

  • Ein seriöser Coach berichtet stets nur mit vollem Einverständnis seines Klienten an Dritte, also an Vorgesetzte und Arbeitgeber.
  • Verdeckte Aufträge wie die unterschwellige Delegation von Führungsaufgaben lehnt er ab.

Gibt es im Business-Kontext ein Coaching-Ethos?

Das aber setzt persönliche Souveränität und wirtschaftliche Unabhängigkeit voraus – und führt zu einer spannenden Frage: Gibt es im Business-Kontext vielleicht so etwas wie das Ethos (1) einer tugendvollen Haltung, die jede/r Coach einnehmen sollte? Diese Frage lässt sich, nach meinem Dafürhalten, mit einem klaren „Ja“ beantworten und auch begründen. Dazu meine Kollegin Dr. Cornelia Seewald, Senior-Coach (DBVC), vor einiger Zeit im Fachblatt unserer Branche, dem Coaching-Magazin:

„Ich bin davon überzeugt, dass ein gutes Business-Coaching die Entwicklung der Persönlichkeit und die Entwicklung diverser Kompetenzen fördert, so dass ein Klient in dieser Dualität […] erkennt, dass beides zusammengehört. Das ist für mich im Kern die non-direktive Beziehungsorientierung: Die Vorrangigkeit von persönlichem Wachstum im Sinne einer Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung, so dass Menschen zu neuen Einsichten kommen […].“ (2)

Gutes Coaching: immer ein emanzipatorischer Prozess!

Und das heißt: Wenn persönliches Wachstum des Klienten das – stets übergeordnete – Ziel eines guten Business-Coachings ist, dann lässt sich dieses nur recht verstehen als ein emanzipatorischer Prozess des Klienten, durch den er sich kennen und selbstwirksam zu handeln lernt.

Dieses Grundverständnis aber ist keineswegs überall so gegeben – weder bei Kunden noch bei Coaches. Vielmehr wird Coaching bisweilen missverstanden nur als > Training (3) bestimmter (sozialer oder fachlicher) Kompetenzen, das allein zur Optimierung- und Maximierung der Leistung von Arbeitnehmern auf der reinen Funktionsebene diene.

Funktion ist nicht alles. Gefragt sind kompetente Individuen mit Persönlichkeit.

Eine auf dieses Ziel hin einseitig ausgerichtete Maßnahme treibt jedoch nicht selten den Coachee nur immer noch tiefer in die (den Anlass für das Coaching eigentlich begründende!) Problematik – und womöglich am Ende direkt in den Burnout hinein.

Ein guter Coach wird darum einen Auftrag auch dann ablehnen, wenn er die Gefahr erkennt, als Erfüllungsgehilfe in den Machtstrukturen eines auf Dauer krank machenden Systems eingekauft zu werden. Mit dieser tugendhaften Entscheidung wird er letztlich allen Beteiligten einen guten Dienst erweisen: dem Klienten, dessen Arbeitgeber und nicht zuletzt auch sich selbst.

Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit – und gutes Coaching!

Herzlich,
Ihr

Günter A. Menne, M.A. | Senior-Coach (DBVC)

Quellen und Literatur

(1) Nach der Definition von Dr. Martin Thomé: „Ethos – von griechisch: Sitte, Gewohnheit – wird vielfach gleichbedeutend mit Moral gebraucht. Das ist allerdings nur begrenzt richtig: Denn die Griechen verstanden darunter vor allem das, was man als ‚gemeinsam gelebte gute Gewohnheit‘ bezeichnen könnte und was vielleicht am besten durch unseren deutschen Begriff der Tugenden gefasst werden kann: Kein festes Regelwerk, keinen Katalog von Handlungsvorschriften und Gut-Böse-Definitionen, sondern die Summe an Haltungen, an Habitus […]. Ethik hingegen bezeichnet die Theorieebene der Moral. (Quellenangabe [PDF-Dokument] im Netz: http://www.kbe-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Bilder/Projekte /Thom__Werteimpuls_Endfassung.pdf).

(2) Dr. Cornelia Seewald, Senior-Coach (DBVC), im Interview mit David Barczynski „Coaching – die xte Kulturtechnik“ in: Coaching Magazin [Herausgeber Christopher Rauen GmbH], Ausgabe 2/2015, S. 12 ff. > www.coaching-magazin.de

(3) Zur Abgrenzung von Coaching gegenüber anderen Beratungsformaten lesen Sie auch: Günter A. Menne: „Alles Coaching, oder was?!“: Blogbeitrag Mai 2014 auf >  http://blog.systemisches-fundraising.de/alles-coaching/#more-192.

 


2 Kommentare zu „“Coaching und Burnout” – von den Tugenden des Nichtstuns und der Verweigerung“
  1. Wichtiger Beitrag! So handeln wir sogar auch bei großen OE-Aufträgen etc. Unsere Erfahrung ist, dass diese innere Haltung der Autonomie und der nahezu kompromisslosen Orientierung an ethischen bzw. tugendhaften Werten nicht existenzgefährdend ist – eher im Gegenteil: sie fördert das wertvolle und letztlich unbezahlbare Gut Vertrauen (und damit Glaubwürdigkeit sowie Seriosität). Sowas spricht sich herum. Wer Berater für eigene, fragwürdige Zwecke instrumentalisieren will, braucht als Gegenüber sogenannte “Beraterhuren”, die für Geld, Gewinn und Publicity alles tun. Aktuelle Beispiele gibt’s zu Hauf, so wie derzeit im Norden Deutschlands…
    Danke auch für die Verlinkung!

    • Günter A. Menne schrieb am 28. Januar 2018 um 22:29 Uhr:

      Vielen Dank – und so ist es: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit und Seriosität ist der Wirtschaftsfaktor Nr. 1, nicht nur in der Beraterbranche.


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Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.