Arbeiterkind

Nach einer längeren Sommerpause ist es Zeit, für einen neuen Blogbeitrag auf > www.menne-coaching.de – willkommen!

Kennen Sie die Initiative ArbeiterKind.de? Das Team um Gründerin Katja Urbatsch ermutigt seit 2008 Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu, als erste in ihrer Familie zu studieren. Die 6.000 ehrenamtlich Mitarbeitenden von ArbeiterKind.de sind in überwiegender Zahl selbst Studierende oder Akademiker*innen der ersten Generation, berichten aus eigener Erfahrung über ihren Bildungsaufstieg und ermutigen junge Menschen durch ihr persönliches Vorbild.

Ermutigung auch noch in reiferen Jahren
Wie häufig aber auch nach dem Berufsstart – ja nicht selten mitten auf der Karriereleiter, etwa nach einem Wechsel in die erste Führungsposition oder sogar beim weiteren Aufstieg in eine Top-Funktion – eine solche Ermutigung in reiferen Jahren noch einmal notwendig sein kann, zeigt sich mir immer wieder auch in meinen Executive-Coachings. Meist liegen dann das (oft auf dem zweiten Bildungsweg) erlangte Abitur und das – in vielen Fällen mit Jobs nebenher finanzierte – Studium schon zehn oder mehr Jahre zurück, und das inzwischen längst gestandene „Arbeiterkind“ ist plötzlich konfrontiert mit einer unerklärlichen Unsicherheit oder dem diffusen Gefühl, dass das etwas nicht stimmt und so nicht weitergehen kann…

Eine Flasche Bier als Geschenk zum Abitur
Unvergessen ist mir jene Sitzung mit dem Inhaber und CEO von damals acht weltweit im Verbund operierenden Firmen, dessen Augen sich mit einem Mal mit Tränen füllten – nicht allein der Erschöpfung und Leere, die er als Vorboten eines drohenden Burnouts erkannt zu haben glaubte, den er noch durch ein Coaching abwenden wollte –, als er mit tonloser Stimme bekannte: „Mein Vater war viele Jahre lang Bergmann und dann arbeitslos bis zur Rente. Sein Geschenk zum Abitur an mich war eine Flasche Bier. In dem Moment schwor ich mir, dass ich niemals, niemals arm werden und alles, alles dafür tun würde, Erfolg zu haben.“

So war er zu dem geworden, was und wer er war, als er mich aufsuchte: ein reicher Mann, geachtet und gefürchtet von seinen Angestellten, respektiert von seinen Geschäftspartnern für seine knallharte Verhandlungsführung und doch, wie er selbst meinte, irgendwie keiner von ihnen. Und nun, da jenes ihn immer öfter überfallende Gefühl der Schwäche und bisweilen sogar eine beängstigende Orientierungslosigkeit nicht mehr zu leugnen war, sollte es ein Coaching richten, für das er „volle Leistung“ zu zeigen bereit war, so wie er von mir als „schonungslosem Sparringspartner“ ein paar „Tricks“ und Methoden erwartete, um ihn wieder „fit“ zu machen für die nächste Runde.

 
Auf ausgedehnten „Gesprächsgängen“
über stille Waldpfade…

Es kam dann doch etwas anders: ein Wochenende lang erkundeten wir – auf ausgedehnten „Gesprächsgängen“ über stille Pfade durch jenen Wald, der sich unmittelbar hinter dem Garten meiner Praxis öffnet – die (unter größter Anstrengung zurückgelegten) Lebenswege meines Klienten und fanden dort schließlich das Arbeiterkind: ungeliebt und gemieden von einem Mann auf dem Zenit seines Erfolgs, ob der Furcht dieses Kindes, sich womöglich eines Tages mit einer Flasche Bier in der Hand unter der Brücke wiederzufinden.

Arbeiterkind: Verbündeter und Angstgegner
So war ihm das Arbeiterkind zum mächtigen Antreiber von Anbeginn seiner Karriere geworden und damit zunächst zu einem starken Verbündeten, wie es schien, bis zu dem Punkt, an dem doch längst alles erreicht war und ihm das Arbeiterkind allmählich zum inneren Gegner wurde: zu einem Angstgegner im Schatten seiner selbst, der meinen Klienten noch immer auf Schritt und Tritt begleitete, ja inzwischen verfolgte, verunsicherte und hemmte, das Jetzt zu erleben, zu gestalten – und zu genießen!

Eindrucksvoll hat der Theologe und Psychoanalytiker > Peter Schellenbaum – nicht zuletzt in seinem 1990 bei DTV erschienen Titel > „Abschied von der Selbstzerstörung. Befreiung der Lebensenergie“ – beschrieben, wie die Entdeckung und Annahme des „Inneren Kindes“ erst zu jener Freiheit in späteren Jahren führen kann: wenn der Erwachsene dieses oft verlassene und verleugnete Kind endlich von der Schwelle hebt und bei sich birgt, beruhigt und tröstet, um zusammen mit ihm dann zu erleben, wie auf diesem Weg einer > Aktualisierung und Integration übergroße Anstrengungen, irrationale Ängste und gegenstandslose Befürchtungen sich (auf)lösen.

Wenn Befürchtungen sich auflösen,
wird die Welt farbiger!

Das Arbeiterkind ist meiner Erfahrung nach ein spezieller Typus jenes „Inneren Kindes“, der mir als Coach gelegentlich in der Arbeit mit besonders leistungsorientierten Kunden begegnet, die „es geschafft“ – und den Zeitpunkt verpasst haben, eben das zu realisieren und ihre motivationalen Schemata zu klären, um sich damit von der Last alter Emotionen (der Begriff kommt übrigens von lateinischen „emovere“ = herausbewegen) zu befreien.

Wenn der Coach den Auftrag nicht nimmt…
Wenn der Coach in dieser Situation den ihm zunächst gestellten Auftrag nicht „nimmt“ und dem Klienten stattdessen das Angebot macht, ihn in einem emanzipatorischen Prozess zu begleiten, kann Coaching  insofern zu einer heilsamen paradoxen Intervention werden, als dass der Klient nicht etwa durch ein paar Tricks und Kniffe „fit“ gemacht wird (wie er dies eigentlich gewünscht hat), mehr vom Gleichen „besser“ zu ertragen, um damit nur noch tiefer in die Problematik getrieben zu werden, sondern zu einer Gelassenheit findet, die ihn Leistung künftig aus einer neuen Fülle schöpfen lässt.

Feldkompetenz – auch als Arbeiterkind –
ist von Vorteil im Coaching.

Es mag sein, dass Menschen jüngerer Generationen die Initiative „ArbeiterKind.de“ durch die Ermutigung von Mentoren, die ihre Herkunft teilen, so manches Coaching erübrigt – so wie es Anderen (und zwar nicht allein Akademikern der ersten Generation in einer Familie) zum Vorteil gereichen kann, als „Arbeiterkind“ ein Coaching bei jemandem in Anspruch zu nehmen, der selbst die Erfahrungen eines Arbeiterkindes gemacht hat.

Noch dies: im Fall der Arbeit mit meinem Klienten hat es vor Beginn des Coachings selbstverständlich mit zu jenem professionellen Vorgehen gehört, zunächst präzise zu klären, ob der befürchtete Burnout nicht etwa schon eingetreten war, was ein Ausschlusskriterium für ein Coaching gewesen wäre.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und hoffentlich nicht mehr gar zu heißen Restsommer,

herzlich, Ihr
Günter A. Menne

Fotografie: Die Bilder zu diesem Beitrag stammen von der großartigen > Heike Fischer aus Köln.



2 Kommentare zu „Arbeiterkind“
  1. Finke, Maximilian schrieb am 7. August 2018 um 21:43 Uhr:

    Sehr interessanter Beitrag und passend illustriert. Vielen Dank!


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Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.