Himmiherrgottkreizsakrament!

Als jemand, der selbst fast ein Vierteljahrhundert lang als Pressesprecher in Mitverantwortung für den Dialog zwischen Kirche und Politik gestanden hat und schon lange als > Coach für Führungskräfte im Geschäft ist, habe ich die bisherige Debatte um den „Kreuzzug“ des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ja schon aus beruflichem Interesse verfolgt.

Kreuze und Zwiebeltürme wohin man sieht in Bayern: nur noch Kulturgut?

Und als Rheinländer durchaus auch als auch mit karnevalistischer Hochachtung: Das war schon ein Husarenstück, wie der für seine schillernden Faschingskostüme bekannte Franke – den nächsten Wahlkampf fest im Blick durch das funkelnagelneue Kapitänsfernrohr – in die Piratenrolle geschlüpft ist, mal eben so das christliche Hoheitszeichen gekapert und über das Eingangsportal der Münchener Staatskanzlei genagelt hat, um die Vampire der AfD zu bannen!

Kein Aufschrei von den Bischofssitzen
Und der öffentlichkeitswirksame Coup wäre dem bekennenden Protestanten Söder auch vielleicht ohne großen Aufschrei gelungen, wenn er nicht jenen bildungsfernen Satz in die Mikrofone gesprochen hätte: „Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion.“ Erstaunlich, dass aber jener Aufschrei dann einige Tage lang nur aus den Redaktionsstuben säkularer Tageszeitungen tönte. Und nicht etwa von den Bischofssitzen im Lande. Jedenfalls nicht so kräftig.

Was man aber verstehen müsse, meinte ein ehemaliger Kollege, denn wenn jetzt Kirchenrepräsentanten – wie das der Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf schon am 26. April > in der Süddeutschen Zeitung gefordert hatte – einem Ministerpräsidenten öffentlich die Leviten lesen würden, mit dem sie ja auch morgen und übermorgen noch hinkommen müssten, dann sei das doch wirklich ein bisschen viel verlangt.

Kunstvolle Kreuze auch auf bayerischen Wirtshaustischen…

Natürlich gebe ich dem Kollegen da recht, und doch weiß ich aus Erfahrung, dass es beileibe nicht immer der grobe amtskirchliche Holzhammer sein muss, sondern die feine theologische Nadel sein kann, mit der man das eine oder andere stichhaltige Argument so elegant in einen Disput zwischen Kirche und Politik einflicht, dass das kostbare Gewebe guter Beziehungen nicht gleich zerreißt. Wie geht man so eine Sache am besten an? Aus meiner persönlichen Beratungserfahrung hat sich das folgende Vorgehen bestens bewährt:

Nachhilfe im stillen Kämmerlein – und dann raus zu den Leuten
Man tritt als Mann oder Frau der Kirche einem/r Mächtigen mit zwei beherzten Schritten zur Seite – in dem Fall als Bischof dem bayerischen Landesvater: Im ersten Schritt erklärt man ihm sanft die Kreuzestheologie. Und zwar nicht gleich vor Publikum, sondern geschwisterlich im stillen Kämmerlein. So wird er als Mensch nicht verschreckt und lernt als Ministerpräsident noch was dazu – etwa, dass es sich bei dem Kreuz der Christen auch um ein religiöses „Unterscheidungszeichen“ (Graf) handelt, das darum nicht nur in Gerichtssälen, sondern auch in den Eingangsbereichen von Amtsgerichten, wo auch Muslime, Juden, Hindus und Atheisten ein und ausgehen, schlicht fehl am Platze ist.

Mit zwei Schritten dem Spezi zur Seite –  wenn man stramme Waden hat!

Im zweiten Schritt klopft man seinem Spezi dann auf die Schulter und sagt: „So, jetzt weißt Du‘s von mir persönlich. Und jetzt geh‘ ich raus und sag‘s auch den Leuten, damit alle was lernen. Und mach‘ Dir keine Sorgen, ich verhau‘ Dich nicht, sondern sag’s nett – aber deutlich, denn das muss jetzt sein! Gut möglich, dass Dir das am Ende sogar nützt, mein Lieber.“

Tapferkeit vor dem Freund
„Tapferkeit vor dem Freund“ hat die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann diese Haltung benannt, mit der man so auftritt und aus einer genuinen Expertise (in dem Fall einer theologischen) für Klarheit sorgt und damit seiner Verantwortung – institutionell wie intellektuell – gerecht wird.

Christliches Andenken

Offenbar hat man sich in Bayern (zugegeben, mit ein bisschen Verspätung) nun auch auf dieses bewährte Verfahren verständigt – und es hat großartig funktioniert! Denn inzwischen lässt Markus Söder ganz neue Einsichten verkünden: „Natürlich ist das Kreuz in erster Linie ein religiöses Symbol.“

Es geschehen noch Zeichen und Wunder…


4 Kommentare zu „Himmiherrgottkreizsakrament!“
  1. Guter Kommentar – saftig geschrieben und bebildert! Mal ein anderer, aber wichtiger Fokus!!

    • Günter Menne schrieb am 1. Mai 2018 um 11:32 Uhr:

      Freut mich, dieses Feedback einer hochgeschätzten Kollegin – und langjährigen leitenden Theologin in Kommunikationsverantwortung zu lesen

  2. Lieber Herr Menne, was Sie schreiben, entbehrt trotz aller feinen Ironie dankenswerterweise der Boshaftigkeit. Denn darunter leide ich als nicht gebürtige Bayerin – dass wir immer als die reaktionären Deppen der Nation dargestellt werden, obwohl wir im umfassenden Sinn ein sehr erfolgreiches und vergnügtes Bundesland sind. Eines, dessen Dialekt jämmerlich imitiert wird („tahoooam“). Eines, das etwa die Flüchtlingsfrage am besten von allen Ländern Europas gemeistert und die meisten Menschen aus anderen Ländern gerne (!) aufgenommen hat. Ich liebe das Land, das mir als Migrantin im Kindesalter aus Baden-Württemberg Heimat gegeben hat. Ich liebe die Marterl, die Weg- und Gipfelkreuze und die in den Klassenzimmern und Amtsgebäuden. Und ich freue mich, dass wir viele christliche PolitikerInnen haben. Die Sache mit den Kreuzen ist ungeschickt, sehr ungeschickt eingefädelt worden. Das gestehe ich sofort zu. Wir haben alles getan, das wirklich gut gemeinsam zu besprechen. Aber: Ist es nicht großartig, in einem Land zu leben, in dem sich PolitikerInnen ganz echt zu ihrem christlichen Glauben bekennen? Ist es nicht gut, beheimatet zu sein? Haben wir nicht zu Recht gegen Nazis und ihre Allmachtsphantasien gewehklagt und es vernünftigerweise beibehalten, Selbstinthronisationen zu kritisieren? Ich jedenfalls danke Gott, dass ich in einem christlich geprägten Land lebe. Tauschen will ich nicht.

    • Günter Menne schrieb am 2. Mai 2018 um 08:00 Uhr:

      Liebe Frau Breit-Keßler, verehrte Frau Regionalbischöfin, nichts hätte mir tatsächlich ferner gelegen, als den – vom Landesvater persönlich – angezettelten „Kulturkampf“ in Bayern auf meinem Blog mit Boshaftigkeit zu kommentieren, denn auch ich liebe Bayern, das Land, die Marterln am Wegesrand, die schönen (evangelischen und katholischen) Kirchen – und nicht zuletzt mag ich Sie, liebe Susanne Breit-Keßler, wie Sie wissen, sehr, ich schätze Ihre Arbeit und auch die meiner ehemaligen Kollegen in Kommunikationsverantwortung! Und es ist ja immer leicht – „Hätte, hätte, Fahrradkette!“, wir alle kennen dieses legendäre Zitat von Herrn Steinbrück – im Nachklapp den Besserwisser zu spielen… Zwischen den christlichen Kreuzen an Wiesenrainen und jenen auf den schönen Zwiebeltürmen gibt es aber nun, nach meinem Dafürhalten, einen Unterschied zu Kruzifixen, die als zu Hoheitszeichen umfunktionierte Symbole eines „christlich geprägten“ Gemeinwesens nun über den Eingangsportalen von Amtsgerichten quasi zum Einsatz (an)gebracht werden: Da gehören Sie nach meiner Meinung nicht hin. Und dankenswerterweise hat dazu der katholische Kardinal Marx zuletzt auch das Nötige öffentlich gesagt. Meinen Beitrag habe ich im Übrigen dezidiert aus meiner Beratersicht als Coach und ehemaliger kirchlicher Pressesprecher geschrieben und darin einmal konstruktiv ausgeführt, wie man – nachdem der Herr Jesus samt Kreuz nun mal schon in den politischen Brunnen gefallen war – „mit Tapferkeit vor dem Freund“ in die geschwisterliche Auseinandersetzung mit einem Glaubensbruder im Ministerpräsidentenamt hätte (pardon…) gehen können. Sie schreiben, dass es da aber auch intensive Gespräche in München gegeben habe, und selbstverständlich muss aller Rat am Ende vom Gegenüber auch beherzigt werden; wir beide wissen, dass Systeme jeden Impuls, der von außen auf sie einwirkt, entweder aufnehmen oder auch nicht! Immerhin liegen denn zwischen den beiden Aussagen von Markus Söder – „Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion“ und dann „Natürlich ist das Kreuz in erster Linie ein religiöses Symbol“ – nicht nur einige Tage, sondern offenbar auch einige Erkenntnisschritte, und ich vermute, nach Ihrer Erwiderung, dass Sie oder Ihre Kolleg*innen ihn dahin ein Stück weit begleiten konnten. Hier lag und liegt die theologische Komponente, auf die ich mit meiner Einlassung ja einen Hauptakzent gesetzt hatte: Wer könnte dazu berufener sprechen, als die Kirchen? Ich freue mich, dass deren Stimmen in der Debatte nun immer deutlicher hörbar werden. So lernen, wie ich sagte, alle etwas dazu! Das Jahr ist noch jung, der Mai ist gerade mal gekommen, und ich würde mich freuen, wenn wir demnächst einmal im schönen Bayernlande bei einer Maß in einem Biergarten miteinander sitzen und die Ereignisse Revue passieren lassen würden – gerne in Sichtweite eines barocken Wegekreuzes, das ich mir dort nimmer wegdenken mag: als ein christliches „memento mori“ und ein zugleich kulturelles Zeugnis unserer Geschichte und unserer Prägung, zu der wir uns allerdings selbstbewusst und weltoffen bekennen sollten. D’accord? Herzlich, Ihr Günter A. Menne


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Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.