Hommage an Mary Bauermeister

Erinnerungen an eine alte Freundin

Heute früh meldete das Küchenradio in den Acht-Uhr-Nachrichten, dass der Künstlerin Mary Bauermeister der neue Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen wird. Ihre Werke hängen seit Jahrzehnten im Guggenheim-Museum oder im MoMA und nicht nur in New York, sondern in zahlreichen Sammlungen weltweit. Zu ihrem 70. Geburtstag richtete ihr das Museum Ludwig in Köln seinerzeit eine große Retrospektive aus – in der Stadt also, wo in ihrem „Lintgassen-Atelier“ in der Altstadt am Rhein ihre Karriere, nicht zuletzt als Teil der Fluxus-Bewegung, begann.

Vor ein paar Jahren landete Mary mit ihren Erinnerungen an jene frühe Zeit und ihre Ehe mit dem Komponisten der elektronischen Moderne unter dem Titel „Ich hänge im Triolengitter: Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen“ einen späten Bestseller, nachdem Elke Heidenreich in einer ihrer Literatursendungen das Buch für ein breites Publikum besprochen hatte, dessen Autorin diesem bis dahin noch immer weithin unbekannt war. Die internationale Kunstszene war auf Mary Bauermeister aber schon 1962 aufmerksam geworden durch eine gemeinsame Installation mit Karlheinz Stockhausen in dem von Willem Sandberg (in seinem letzten Jahr dort noch) geleiteten Amsterdamer Stedelijk-Museum.

Wer mehr über die Kunst und das Leben dieser einzigartigen Künstlerin wissen will, kann sich im Netz umsehen, wo er oder sie an unzähligen Stellen fündig wird. Denn wenn ich auch, in meiner Eigenschaft als gelernter Kunsthistoriker, schon einige Male die Gelegenheit hatte, über Mary Bauermeister (zuletzt im Katalog des Bonner Frauenmuseums über ihre Arbeiten im öffentlichen Raum, insbesondere ihre Landschaftsgärten) und ihr Werk zu schreiben, so will ich an dieser Stelle aus Anlass der heutigen Ehrung von meinen persönlichen Erinnerungen an Mary berichten und davon erzählen, wie sie mein Leben und meine Arbeit entscheidend mitgeprägt hat – als Mentorin und Förderin in jenen Jahren existenzieller Suchbewegungen und mentaler Reisen, auf denen ich seit 2009 selbst meine Klient*innen als Coach mitunter begleiten darf.

Eine der typischen „Prismenscheiben“ Mary Bauermeisters im Fenster meiner Praxis.

Mary war, kurz gesagt, verantwortlich für jenen Perspektivwechsel, den sie mit Arbeiten wie dem hier gezeigten „Linsen-Objekt“ (so nannte sie Scheiben wie diese stets selbst) vielleicht schon bei vielen Menschen angestoßen hat und auch bei mir, vor fast 50 Jahren, damals im Alter von 13 Jahren, einzuleiten begann, als sie mich, auf Empfehlung eines meiner Schulfreunde, als Hilfskraft in Garten und Werkstatt „anstellte“ – für den damals sagenhaften Stundenlohn von zehn Mark!

Dort half ich, nach genauen Vorgaben, jene konvexen und konkaven Linsen und Pyramidenprismen mit einem hochtransparenten Spezialkleber (dessen überschüssige Reste um die Objekte herum es dann in mühevoller Kleinarbeit wieder abzuschaben galt) auf Glasscheiben verschiedenster Größen aufzubringen, assistierte mit Geduld und Fingerspitzengefühl (und einer anderen Sorte Kleber) dabei, winzige Kiesel und der Reihe nach immer größere, vom Wasser in Tausenden von Jahren abgeschliffener Minerale zu sogenannten Steinpyramiden zu fügen, oder legte Kräuterspiralen und verschlungene Wege an auf dem 7.000 Quadratmeter messenden Außenareal um die, von dem Architekten Erich Schneider-Wessling erbaute moderne Villa in Marys „Zaubergarten“, wie das Refugium einmal in einer Reportage des ZDF treffend benannt wurde.

Diese, keinem Zweck dienenden, sondern ’nur‘ Schönheit zum Ausdruck bringenden Arbeiten, für deren Ausführung Mary auch noch (wie mein Vater, dem ich aufgeregt davon berichtete, kopfschüttelnd meinte) „ihr gutes Geld zum Fenster heraus“ warf, waren mir – so wie auch die Geisteshaltung, aus der heraus „komische“ Menschen wie Mary Bauermeister „so etwas“ taten – bis dahin vollkommen unbekannt. Denn alles, alles hatte, in dem Elternhaus, in dem ich unweit von Marys fremder Welt aufwuchs, einem auf Erwerb oder sonstigen alltäglichen Nutzen abzielenden – Zweck zu folgen, sonst „war es nichts“.

Schon im ersten Jahr meiner Zeit mit Mary, die ja zu allem Ungemach meiner Eltern mit dem Beginn meiner Pubertät zusammenfielen, nahmen unsere häuslichen Konflikte zu, in denen „dat Bauermeisters“ – wie es im rheinisch-bergischen Idiom der noch Platt sprechenden Bevölkerung (so wie etwa „dat Meiers“ Kät’che“, mit oder den Anhang eines Vornamens) heißt und klingt – von nun an stets eine zentrale Rolle spielte, und zwar als weiblicher Störenfried der kleinbürgerlichen Ruhe am Esstisch: „De jecke Frau määht dä ärme Jung am Eng’k noch janz verröck!“

Wie recht mein Vater da aber hatte! Denn begierig sog ich das Fluidum, das von Mary und ihrem Kreis ausging, in mich auf – „Auf der Hedwigshöhe 35“ begegnete ich Nam-June Paik, Karlheinz Stockhausen himself und anderen Musikern und Künstlern aus aller Herren Länder so wie auch manchem jener spirituellen ‚Lehrer‘ aus dem Fernen Osten, die als reisende Gurus in den 70er Jahren auch in Deutschland Station machten. Ob ich auch Bhagwan (später genannt „Osho“) oder gar Krishnamurti in Marys Haus bei einer der vielen Meditationen (zu denen auch ich mich ganz selbstverständlich dazusetzen durfte) einmal persönlich begegnet bin, kann ich nicht sagen, weil ich zu dem Zeitpunkt von keinem ihrer großen Namen je schon gehört hatte, aber ich halte es durchaus für möglich.

Aus meiner Sammlung: von mir geschossene Bilder Marys, als ich selbst 16 Jahre alt war.

Naturgemäß, um es hier mit Thomas Bernhard zu sagen, blieb es nicht aus, dass auch ich – in diesem Umfeld – bald ein eigenes künstlerisches Interesse zu entwickeln und neben dem Fotografieren, das ich seit einigen Jahren schon ambitioniert betrieb, zu zeichnen und bald auch mit Aquarellfarben unter den Augen und Ermutigungsrufen Marys („Hör‘ mal, das ist gut, Du hast Talent – mach‘ weiter, mach‘ weiter!“) zu malen begann. Ich stand zu diesem Zeitpunkt wohl zwei Jahre vor dem Abitur, dessen Vorbereitung die, von meinen Eltern beargwöhnte „Ablenkung“ zwar letztlich keinen gefährlichen Abbruch tat, jedoch die Pläne „für danach“ gehörig durcheinanderbrachte: Ernsthaft zog ich es in Erwägung, Kunst zu studieren!

Zum „Showdown“ zwischen Mary und meinem Vater – einem regelrechten „Clash of cultures“ – kam es dann wenig später vor den Augen der dörflichen Öffentlichkeit und der damals versammelten Lokalpresse. Schauplatz war „die gute Stube“ der Gemeinde (damals noch nicht Stadt) Rösrath, das Schloss Eulenbroich, in dem zu jener Zeit jedes Jahr im November die Ausstellung „Rösrather Künstler stellen aus“ stattfand, und zwar unter der Schirmherrschaft von Mary Bauermeister, die auch einer Jury vorstand, die darüber zu befinden hatte, welche Arbeiten in den Rang von „Kunst“ erhoben und für würdig befunden wurden, ausgestellt zu werden. Dass ich dort im Schloss Eulenbroich später geheiratet habe und, quasi im Gegenzug, aber nie meinen Durchbruch als Künstler erlebte, will ich am Rande vorwegnehmen – doch zurück zu der Szene, die sich nun anbahnen sollte.

Ich war im Hauptsaal des Schlosses mit zwei aquarellierten (und betexteten) Zeichnungen vertreten, die ins Karikaturhafte gingen und von meiner inneren Zerrissenheit zwischen den zwei Welten Marys und der meines Vaters zeugten, die sich in diesem Moment vor just einem meiner Exponate beide gegenübertraten wie zu einem Duell und nun lautstark ihre Meinungen über mich – für alle Anwesenden unüberhörbar – aufeinander abfeuerten: „Ihr Sohn ist ein Künstler, Herr Menne, der wird mal ein ganz großer Künstler werden, den müssen Sie lassen, der geht seinen Weg!“ Darauf mein Vater: „Ja, ich weiß, dat der jut malen kann, aber dat is ‚en Hobby, un‘ Sie müssen aufhören, dä Jung‘ bekloppt zu machen! Der soll eine Lehre machen und Jeld verdienen!!“ Da hatte Papa bei Mary aber den richtigen Knopf gedrückt: „Ach, Geld, Geld, Geld, Herr Menne – Geld spielt doch gar keine Rolle, das kommt doch ganz von alleine, wenn man das richtige tut …“

So gab ein Wort das andere, und selbstredend fand man an jenem denkwürdigen Abend zu keiner interkulturellen Verständigung mehr – und ich, nach dem Abitur, sehr zur Enttäuschung Marys, dann auch doch nicht den Mut zu einem Kunststudium: Ich wählte (welch‘ ein Irrtum, welche Unkenntnis) den ‚Kompromiss‘ eines Studiums der Kunstgeschichte, das ich dann erst – nun endlich kompromisslos – im Hauptstudium so richtig ergriff, als ich nämlich gerade noch rechtzeitig begriffen hatte, dass künstlerische Eigenambitionen für den später vielleicht einmal als Kurator, als Wissenschaftler im Museum oder als Kritiker sein Brot verdienenden Kunsthistoriker so ziemlich das größte Hindernis einer erfolgreichen und glücklichen Berufstätigkeit sind und daher tunlichst zu beerdigen wären.

Gott sei Dank überlebte die Freundschaft zu Mary jenes Begräbnis, zumal auch sie inzwischen auf mein „anderes Talent“, wie sie sagte, des Schreibens und Vermittelns aufmerksam geworden war. Auch stärkte unsere Verbindung die gemeinsame „initiatische“ Arbeit in Seminaren und privaten Meditationskreisen mit dem Philosophen, Kybernetiker und Autor Frédéric Lionel, der damals zusammen mir Sir George Trevelyan und Karlfried Graf Dürckheim zu den bekanntesten Protagonisten der europäischen New-Age- und Zen-Szene gehörte, die zu jener Zeit regelmäßig auf dem, Marys Haus bekrönenden Wasserdach der Forsbacher Villa oder in anderen idyllischen Hideaways zusammentraf, wo auch ich Zutritt hatte und mich fasziniert der zeitgeistigen Horizonterweiterung hingab.

Das soll, mit dem hier bewusst gesetzten ironischen Unterton aus der heutigen Distanz, aber nicht despektierlich klingen, verdanke ich (wie auch Mary) doch Frédéric, den ich einige Male auch einem Privatissimum, um nicht zu sagen: einer Audienz in seiner Pariser Stadtwohnung im 18. Arrondissement aufsuchen durfte, viel an Anregung und Prägung letztlich einer Geisteshaltung durch sein Vorbild, das dieser „Zeuge des Jahrhunderts“ (> in der gleichnamigen Sendung der ZDF wurde er am 4. Oktober 1987 im deutschen Fernsehen porträtiert), außerdem Offizier des britischen Geheimdienstes im II. Weltkrieg und (später hochdekoriertes) Mitglied der französischen Resistence für mich war und der mir dann zum Ende meiner Studienzeit auch das berufliche Leitbild eines „Brückenbauers“ mit auf den Lebensweg gab.

Marys „Zeit-Bilder“ in meiner Praxis (Fotografie: Heike Fischer, Köln).

Ob Frédéric wohl auch zufrieden mit meiner Entscheidung gewesen wäre, mich ab 1992 als „Brückenbauer“ (für sage und schreibe fast 25 Jahre) in den Dienst der evangelischen Kirche im Range eines Leiters Presse und Kommunikation zu stellen? Das weiß ich nicht sicher, ich vermute es aber, weil er mit Vorträgen an der Kölner Antoniterkirche, eingeladen vom damaligen Citykirchenpfarrer Kurt-Werner Pick, ja des Öfteren und gern dort zu Gast war. Mary hingegen war es nicht: für sie kam mein bürgerliches „Unterkriechen“ unter die Rockschöße von Mutter Kirche irgendwie doch einer Kapitulation, ja vielleicht sogar eines Verrats an jener Freiheit vor, deren Luft ich als Junge 1972 zum ersten Mal in ihrem Garten geschnuppert hatte.

Unsere Verbindung, die wir bis dahin mindestens einmal im Monat, dann eher vierteljährlich, persönlich gepflegt hatten, lockerte sich merklich – von beiden Seiten übrigens, denn auch ich begriff zu jener Zeit meine Aufgabe, mich von Mary zu emanzipieren. Doch wenn wir uns, nun meist zufällig (wenn ich nicht anlässlich einer Ausstellung ihrer Werke, wie zuletzt noch beim Kölner Auktionshaus van Ham, zugegen bin) begegnen, und sei es nur am Geldautomaten unserer Bank in Forsbach, dann fallen wir uns noch immer um den Hals, lachen und erzählen uns kurz was. Dabei kann es manchmal, wenn auch mit einem Augenzwinkern, passieren, dass noch einmal jener Satz aus Marys Munde fällt und mich an einer (immer noch) empfindlichen Stelle trifft: „Du hättest Künstler werden sollen, mein Lieber. Du hattest das Talent …“

„… doch eben keines, das unter den vielen anderen so eindeutig und unüberhorbar: ‚HIER, ICH BIN’S!‘ gerufen hätte“, liebe Mary“, antworte ich dann zumeist, „und das was ich heute tue als Coach, Moderator und Autor, ist ja doch die, von Frédéric einst verheißenen Arbeit eines ‚Brückenbauers‘ par excellence, oder nicht?“ Worauf ich dann für gewöhnlich zur Antwort erhalte: „Ja, schon, aber trotzdem – na‘ dann vielleicht eben im nächsten Leben! Wenigstens bist Du selbstständig geworden und nicht mehr bei der Kirche …“

Und das mit dem nächsten Leben meint Mary so, wie sie es sagt, ganz wörtlich: Sie ist sich da ganz sicher, was ihre Wiedergeburt betrifft, nachdem es, und auch da ist sie sich, ganz unaufgeregt, sicher, mit ihr auf Grund von Alter und Krankheit, demnächst irgendwann einmal zu Ende gehen werde. Ihre Schaffensfreude aber, höre ich von Simon, ihrem Sohn, wenn ich ihn gelegentlich beim Einkaufen im REWE treffe, ist ungebrochen, und mit einem ihrer vorerst letzten Projekte, so typisch für Mary und ihr Denken – der Umsortierung der Farben der deutschen Nationalflagge: Gold nach oben, Schwarz nach unten, so gehört das, energetisch! – hat sie ja noch einmal viel mediale Aufmerksamkeit erzielt, wenn auch bisher keinen Erfolg. Doch, wer weiß …

Den Kunstpreis ihres Landes hat Mary Bauermeister jedenfalls (mehr als) verdient: Glückwunsch – und „danke“, meine liebe alte Freundin!



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Günter A. Menne M.A. | Zertifizierter Senior Coach im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.